Ein bisschen Rosa kann Wunder wirken.

Heute geht es um die Liebe.

Nicht um die, die wir landläufig meinen – diese an Äußerlichkeiten haftende, leicht entflammbare Variante. Sondern um die andere. Angeblich zumindest.

Der Auslöser: ein altes Fotoalbum.
Fast hätte ich es schon entsorgt, in einem dieser Anfälle von „Wen interessiert meine Vergangenheit noch?“ und „Weg damit, Platz schaffen fürs Wesentliche“.

Zum Glück war ich zu langsam.

Ich fand es wieder – nach kurzer Stöberei in unserem überschaubaren Bühnenabteil. Gesucht hatte ich es ohnehin nur, weil mir meine Seelenzwillingsschwester aus Sizilien ein Foto geschickt hatte: Ortsschild Fontane Bianche.

Dort war ich auch einmal.
Mit dem Zug. Vor knapp vierzig Jahren.

Ein Abenteuer.

Wobei – eigentlich war alles ein Abenteuer damals.
Weil man jung war. Weil man nicht nach vorne dachte und nicht zurück. Weil man keine Erfahrung hatte, die einem ins Ohr flüsterte: „Könnte schwierig werden.“
Man tat einfach.

Und vor allem: Man liebte.

Oder sagen wir: Man war dauerverliebt.
Ich jedenfalls.

Es gab immer jemanden. Ein Objekt der Begierde.
Im Urlaub besonders zuverlässig – als gehörte es zur Grundausstattung neben Sonnencreme und zu viel Freizeit. Die Liste ließe sich wie eine Perlenkette auffädeln:
Fontane Bianche. Les Saintes-Maries-de-la-Mer. Kathmandu.
Und dann dieser Däne mit den wasserblauen Augen, der lieber allein ums Kap Hoorn segelte, als sich von mir beeindrucken zu lassen.

Rückblickend fällt auf:
Ich hatte ein erstaunliches Talent dafür, mich ausgerechnet in die Unerreichbaren zu verlieben. Die Erreichbaren?
Konsequent übersehen.

Und jetzt höre ich: Diese Art von Liebe zählt nicht mehr.

Es gehe um Selbstliebe.
Um diese bedingungslose, nichts wollende, alles akzeptierende Zuneigung zu sich selbst.

Mit allem.
Mit den silbernen Strähnen – Grau ist ein Wort, das ich weiterhin boykottiere.
Mit Hautpartien, die sich langsam der Schwerkraft anschließen.
Und mit Eigenheiten, die sich nicht mehr charmant als „Phase“ verkaufen lassen.

Kurz: mit dem Gesamtpaket.

Bedingungslos sich selbst lieben.

Allein beim Aufschreiben klingt es schon nach einer dieser Aufgaben, die man elegant auf „morgen“ verschiebt.
Denn ehrlich gesagt:
Weder kenne ich bedingungslose Liebe – noch bin ich mir sicher, dass ich mein „Selbst“ wirklich kenne.

Die Liebe im Außen ist deutlich unkomplizierter. Man kann sie verteilen, demonstrieren, dramatisch inszenieren.
Man kann sie jemandem vor die Füße werfen – und später vorhalten. Liebe kann umarmen.
Und ziemlich überzeugend erdrücken.

Was für ein Kraftpaket.

Madonna sagt: Es geht ausschließlich um die Liebe zu uns selbst. Der Rest ergibt sich dann von allein.

Ein schöner Gedanke.

Wenn wir uns selbst lieben, so die Theorie, durchdringt uns diese Liebe. Sie schwingt in allem mit – in dem, was wir sagen, tun, tragen, essen. So, als wären wir innerlich komplett rosa.
Und alles, was wir berühren, bekäme einen Hauch davon ab. Die Hersteller von Mädchenabteilungen scheinen dieses Prinzip längst verstanden zu haben.
Rosa. Überall. Gerne mit Glitzer.

Ich hingegen – Mitfünfzigerin, – zögere noch.
Wobei … rosa Haare hätten durchaus etwas.

Aber zurück zur großen Frage.

Madonna sagt auch:
Liebe sei wichtiger als Erleuchtung.

Das sitzt.

Denn folgt man der aktuellen Stimmungslage, scheint Erleuchtung inzwischen ein Wochenendprojekt zu sein – buchbar zwischen Schamanismus und Atemtechnik.

Doch der Unterschied ist bestechend einfach:
Mit Liebe erreicht man alle.
Mit Erleuchtung nur die, die ohnehin schon hinschauen.

Das leuchtet ein.

Und vielleicht reicht das ja für heute:
kein Durchbruch, keine Erleuchtung –

sondern einfach, ein bisschen Rosa.

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