ERLAUBE DIR ZU EMPFANGEN
Wir schreiben den neunundzwanzigsten Juni im Jahre zweitausendsechsundzwanzig.
Irgendwie erscheint mir diese Schreibweise heute passender als ein schlichtes „29.06.26“.
Ehrwürdiger. Passender für das, was heute Morgen auf meinem Teller lag: Mein Morgenmahl mit Madonna.
Schon während meiner Morgenroutine – heute begann sie mit den tibetischen Niederwerfungen und endete, wie so oft, in der Haltung des Kindes, der Balasana – kamen mir die Worte:
„Erlaube Dir zu empfangen.“
Wer mich kennt, weiß, dass weder mein Verstand noch mein Gehirn zu dieser Uhrzeit freiwillig arbeiten.
Ich wäre ja gerne ein früher Vogel. Bin ich aber nicht. Eher einer, den der Wecker mit Nachdruck aus dem Bett werfen möchte.
Zum Glück hat meiner eine Snooze-Taste.
Und kaum habe ich sie gedrückt, falle ich wieder in einen Tiefschlaf, als hätte ich nie etwas anderes vorgehabt.
Nur nebenbei bemerkt: Das fasziniert mich jedes Mal aufs Neue. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Zeit am Morgen schneller vergeht als am Abend.
Gestern Abend gab es dafür den endgültigen Beweis. Wir warteten darauf, dass der Backofen die letzten drei Minuten herunterzählte.
Ich sage Dir: Diese drei Minuten dauern mindestens doppelt so lange wie sechs Snoozephasen à fünf Minuten am Morgen.
Nein, eigentlich sage ich das nicht nur – ich bestätige diese Tatsache. Wenn nötig sogar mit Siegel. Ein Amt habe ich zwar keines, aber das sollte der Wahrheit keinen Abbruch tun.
Mein Schätzle nennt meine morgendliche Langsamkeit übrigens liebevoll mein „Tankerverhalten“.
Und nein, das ist überhaupt nicht böse gemeint.
Ein Tanker braucht eben eine Weile, bis er Fahrt aufgenommen hat. Aber wenn er einmal unterwegs ist, entsteht eine ordentliche Bugwelle. Wer mag, darf sich dann gerne eine Weile treiben lassen.
Vielleicht schreibe ich das alles auch nur, um mir selbst immer wieder zu beweisen, dass ich mir diese Impulse am Morgen unmöglich selbst ausdenken kann. Vor dem ersten Kaffee traue ich mir zwar vieles zu – aber sicher keine spirituellen Eingebungen.
Mein Morgenmahl mit Madonna lautet heute jedenfalls:
Erlaube Dir zu empfangen.
Madonna flüsterte noch hinterher:
„Unsere Seelennahrung empfangen wir direkt mit dem Herzen. Die übrigen Sinne sind Umwege. Auf diesen Umwegen filtert unser Verstand, verschleiert und verwässert die Nahrung.“
Eigentlich wäre das jetzt der perfekte Moment, aufzuhören.
Punkt.
Den Satz wirken lassen.
…
Aber das klappt bei mir ungefähr so zuverlässig wie das Aufstehen nach dem ersten Klingeln.
Denn kaum steht so ein Gedanke im Raum, drängen sich schon die nächsten Erkenntnisse durch meine Finger auf die Tastatur.
Seit längerer Zeit beobachte ich die Menschen und stelle fest, dass viele größer und rundlicher werden.
Meine Grundausstattung besteht nun einmal aus Neugier. Also frage ich mich natürlich nach dem Warum.
So wie gestern, als ich die Wolken beobachtete und mich fragte:
Wann entscheidet sich eine Wolke eigentlich, vom Himmel zu fallen?
Falls ich das irgendwann recherchiert oder Madonna damit gelöchert habe, melde ich mich.
Zum Thema Mensch habe ich inzwischen zwei Theorien.
Meine erste Theorie
Nach der chinesischen Astrologie befinden wir uns seit 2025 in einer zwanzigjährigen Feuerperiode.
Die zwanzig Jahre davor waren stark von Materie geprägt. Besitz, Häuser, Autos, Handys – Hauptsache greifbar.
Die Feuerperiode richtet den Blick stärker auf geistige Entwicklung, Kreativität, Spiritualität, neue Schöpfungen und Themen wie Künstliche Intelligenz.
Feuer besitzt keine Materie.
Als Menschen spüren wir diesen Wandel – bewusst oder unbewusst.
Vielleicht fühlt es sich an, als würden uns die Felle davonschwimmen.
Und wenn uns etwas zu entgleiten droht, versuchen wir instinktiv festzuhalten, was wir noch greifen können.
Vielleicht breiten wir uns deshalb sogar körperlich aus.
Ich finde, man erkennt etwas Ähnliches auch daran, dass Autos und Neubauten trotz aller ökologischen Entwicklungen immer größer werden.
Das ist natürlich nur eine Theorie.
Den Beweis können wir vermutlich in achtzehn oder neunzehn Jahren antreten.
Meine zweite Theorie
Viele indigene Kulturen betrachteten den Menschen auf vier Ebenen:
- körperlich
- emotional
- geistig
- spirituell
Alle vier Ebenen möchten genährt werden.
Spätestens mit der Industrialisierung begann der Mensch jedoch, sich selbst immer mehr als Maschine zu verstehen.
Das Herz wurde zur Pumpe.
Die Nieren zur Kläranlage.
Die Leber zum Ölabscheider.
Der Magen zum Smoothie-Mixer.
Wenn das so weitergeht, brauchen wir irgendwann keinen Hausarzt mehr, sondern einen TÜV.
Zumindest in der westlichen Welt können wir wohl behaupten, dass die körperliche Nahrung weitgehend gesichert ist.
Eher sprechen wir von Überfluss als von Hunger.
Auch intellektuell leben wir im Überfluss.
Bleiben noch die emotionale und die spirituelle Ebene.
Gerade emotional scheint mir vieles im Mangel zu sein. Obwohl wir vermutlich noch nie so intensiv nach Liebe gesucht haben wie heute.
Und die spirituelle Ebene?
Sie führt meines Erachtens vielerorts eher ein Schattendasein.
Ja, es gibt wunderbare Entwicklungen und immer mehr Menschen, die sich diesem Bereich wieder öffnen.
Aber gemessen daran, wie viel Aufmerksamkeit wir unserem Körper schenken, ist das noch immer verschwindend wenig.
Vielleicht ist genau das die Frage, die Madonna mir heute Morgen ins Herz gelegt hat:
Welcher Anteil in mir hungert eigentlich wirklich?
Denn solange ich meinen Hunger verwechsle, werde ich immer am Falschen satt.
Erst wenn ich erkenne, wonach meine Seele sich wirklich sehnt, kann ich empfangen, was längst für mich bereitliegt.
Vielleicht beginnt Empfangen genau dort.
In dem stillen Moment, in dem das Herz aufhört zu suchen und bereit wird, sich beschenken zu lassen.
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